So entstehen die Ängste

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Wolfi
Harter Kern
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So entstehen die Ängste

Beitrag von Wolfi »

Ich will jetzt hier mal ein Erlebnis schildern, das zwar nicht direkt mit Sirenen zu tun hat, wohl aber mit der Frage,
wie und wodurch solche Ängste vor lauten und plötzlich auftretenden Geräuschen entstehen, speziell bei Kindern.

Am letzten Oster-Wochenende war ich mit meiner Familie beim Dampflok-Spektakel an der Mosel. Sirenen sind halt nicht mein
einziges Hobby, sondern ich bin auch ein großer Eisenbahnfan. Meine kleine Tochter Roxana (2 1/2) hat diese Begeisterung
bisher geteilt, war von den schwarzen Dampfrössern ebenfalls sehr angetan und wollte immerfort welche sehen.
Seit letztem Wochenende ist es nun vorbei damit ...

Ich stand, Roxana auf meiner Schulter, am Bahnsteig in Cochem und wir warteten gespannt auf die Abfahrt des Dampfzuges
mit der 01 118. Wir standen fast direkt neben der Lok, als der Lokführer kurz vor der Abfahrt einen lauten Zp1-Achtungspfiff
gab. Ich muß schon sagen, die Lautstärke der Dampfpfeife der 01 war schon heftig, fast unangenehm, ich würde sagen von der
Lautstärke her einer E57 mindestens ebenbürtig. Roxana erschrak sich sehr und fing sofort an schrecklich zu weinen.
Natürlich bin ich mit ihr sofort weg von der Lok, beruhigte und tröstete sie.

Aber das Erlebnis hatte Folgen. Von diesem Moment an reagiert sie fast panikhaft, wenn sie eine Dampflok auch nur von
weitem sieht. Selbst im Fernsehen oder auf Videos fängt sie sofort an zu schreien, "weg - weg - weg ..." wenn irgendwo
ein Zug oder eine Lok auftaucht. So also kanns gehen ... nun hoffe ich natürlich sehr, daß sich das mit der Zeit wieder
verliert und nun keine dauerhaften Ängste bei ihr zurückbleiben.

Aber genau so ging es mir als Kind, und zwar mit einer Sirene! Leider hatte das Schreckerlebnis, wie Ihr ja sicher aus meinen
früheren Postings wisst, bei mir doch nachhaltige Sirenen-Ängste ausgelöst, die bis ins Jugendalter angehalten haben.

Wolfi
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Stevewozniak
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Re: So entstehen die Ängste

Beitrag von Stevewozniak »

Bei mir wars auh niht viel anders! Nur meine Angst hat sich verflüchtet als ich zur Feuerwehr ging! Die bete Therapie die man sich vorstellen kann!
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Lint41
Harter Kern
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Re: So entstehen die Ängste

Beitrag von Lint41 »

Hallo Wolfi!
Interessant was du da schreibst. Ich kenne die Situation sehr gut, bin ja Lokführer ;)
Auf der Arbeit steht eigentlich immer mal irgendwo ein Kind auf der Brücke und winkt mir zu. Ich freu mich immer, wenn die Kids (egal welchen Alters) sich über etwas freuen und keinen Blödsinn machen, Steine werfen zum Beispiel. Es kommt bei mir dann auch meistens mal dazu, dass ich einen kurzen Gruß mit dem Makrofon gebe. Bisher haben sich die meisten gefreut und haben noch wilder gewunken. Wenn man allerdings unmittelbar neben der Schalleinrichtung steht, ist das in der Tat sehr sehr laut. Da zucke auch ich zusammen. Vielleicht hilft es deiner kleinen Tochter wenn du ihr erklärst, dass das ganz wichtig ist die Pfeife zu betätigen um Leute zu warnen. Die zweite Möglichkeit: Besucht mich, fahrt mit und ich lass deine Tochter mal kräftig auf die Pfeife treten, vielleicht isses dann wieder gut ;)

Drücke dir die Daumen, dass ihr das in den Griff bekommt!

Viele Grüße aus Dortmund
Steffen
Peisinoe
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Registriert: Montag 24. August 2009, 19:45

Re: So entstehen die Ängste

Beitrag von Peisinoe »

Hi,

wirklich interessant. Das Thema Ängste und Phobien beschäftigt mich auch. Es ist manchmal merkwürdig vor was Menschen Angst haben können. Spinnen zum Beispiel. Ich leide nicht unter so einer Angst und ich kann nicht verstehen, warum andere Menschen einen solchen Graus vor diesen Tieren haben. Gut, sie sehen etwas fremdartig aus mit ihren 8 Beinen, ihrer fehlenden Mimik aber sonst...

Ist so eine Angst vielleicht (auch) anerzogen? Meine Mutter hat mir schon früh beigebracht, dass jedes Lebewesen Achtung verdient. Egal ob es da um eine Ameise geht oder um eine Katze. Sie empfindet keinen Ekel und keine Angst vor Spinnen oder Kröten. Nur Schlangen mag sie nicht soooo sehr aber selbst diese Tiere jagen mir wiederum keinen Schrecken ein. Also Erziehungssache alleine kann es nicht sein.

Ich gebe allerdings zu, dass meine Mutter Sirenen auch nicht so sehr mag. Sie hat als Kind den 2. Weltkrieg mit erleben müssen und somit keine allzuschöne Zeit. Immer wenn der Alarm kam, hieß es ganz schnell in einen Luftschutzkeller zu flüchten.
Sie regte sich immer fürchterlich auf, wenn bei uns dann früher zum Feueralarm geblasen wurde. Meist, weil man auch gar nicht mitbekam, warum nun ein Alarm kam, wo und ob es eigentlich brannte, es "nur" eine Übung oder ob es ein Lausbubenstreich war. Und die Sirene heulte bei uns schon relativ oft - ganz früher auch mitten in der Nacht.
Meine Oma wiederum, die nicht nur den 2. sondern auch den 1. Weltkrieg erlebt hat, hat das Sirenensignal überhaupt nichts ausgemacht. Sie erschrak nicht mal. Aber sie schaltete immer das Radio ein, sobald die Sirene loslegte. Auch wenn es "nur" ein Feueralarm war und somit überhaupt nichts im Radio darüber kommen konnte.

Ich weiß also nicht, warum ich so eine Aversion hatte/habe gegen dieses Geräusch. Immer wenn so eine Dame in meiner Nähe loslegt, gehe ich schreckhaft in die Knie (kein Witz) und halte mir kurz die Ohren zu. Eigentlich peinlich aber das passiert mir sozusagen ganz automatisch. Dennoch faszinieren mich diese Geräte merkwürdigerweise. Darum bin ich froh, auf dieses Forum gestoßen zu sein. Ich habe her schon einiges erfahren und vielleicht kann ich so irgendwann mein schreckhaftes Verhalten unter Kontrolle bringen.

Liebe Grüße
Peisione
Fox 1

Re: So entstehen die Ängste

Beitrag von Fox 1 »

Hallöle,

manche Therapeuten setzten immer auf "Konfrontationstherapie". Ich selbst habe keine Angst vor Sirenen oder andere Sachen.
Aber sie schaltete immer das Radio ein, sobald die Sirene loslegte. Auch wenn es "nur" ein Feueralarm war und somit überhaupt nichts im Radio darüber kommen konnte.
@Peisinoe

Ich habe mein eigenes "Privates Radio". Manchmal schon erstaunlich, wenn "jemand zu Besuch" in unserer Nachbarschaft kommt. Gerade bei Sturm Xynthia wurde bei uns im Kreis Birkenfeld 6 - 8 mal die Sirene ausgelöst. In der Stadt Idar-Oberstein selbst lief keine Sirene, da die meisten Feuerwehrangehörige einen Piepser dabeihaben.
Peisinoe
Neuling
Beiträge: 73
Registriert: Montag 24. August 2009, 19:45

Re: So entstehen die Ängste

Beitrag von Peisinoe »

Angst vor dem Gerät habe ich ja auch nicht. Die steigen schließlich nicht von den Hausdächern und gehen dann im Ort herum *g*. Aber ich erschrecke einfach furchtbar bei dem Geräusch. Meine größte Sorge wäre wohl, wenn man direkt auf dem Nachbarhaus (mehrere Etagen damit höher als die meisten drumherum) eine Sirene platzieren würde *g*.
Das ist tatsächlich ein Alptraum von mir, den ich öfters habe. Nichts gegen Sirenen aber in SO direkter Nachbarschaft muss ich jetzt keine (mehr) haben. Okay... andere hier aus dem Forum würden sich wohl über so eine Nachbarin freuen :)
Wir hatten ja früher eine in der Siedlung nur ca. 100 Meter von unserem Haus entfernt. Die wurde bei Renovierungsarbeiten abgenommen und seither nicht mehr dort platziert. Auch den Feuermelder, den dieses Haus am Gartenzaun hatte, hat man demontiert. Keine Ahnung wo die Sirene abgeblieben ist. Aber Du kannst Dir sicher vorstellen, wie schön laut das zuging, wenn die Dame loslegte. Immerhin hatte ich ja freie Sicht darauf und der Schall konnte ungehindert ankommen ;)

Liebe Grüße
Peisinoe
Troubadix
Harter Kern
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Registriert: Dienstag 28. Juli 2009, 18:42

Re: So entstehen die Ängste

Beitrag von Troubadix »

Wolfi hat geschrieben: Ich stand, Roxana auf meiner Schulter, am Bahnsteig in Cochem und wir warteten gespannt auf die Abfahrt des Dampfzuges
mit der 01 118. Wir standen fast direkt neben der Lok, als der Lokführer kurz vor der Abfahrt einen lauten Zp1-Achtungspfiff
gab. Ich muß schon sagen, die Lautstärke der Dampfpfeife der 01 war schon heftig, fast unangenehm, ich würde sagen von der
Lautstärke her einer E57 mindestens ebenbürtig. Roxana erschrak sich sehr und fing sofort an schrecklich zu weinen.
Natürlich bin ich mit ihr sofort weg von der Lok, beruhigte und tröstete sie.
Auweia!!! Ich kann Deine Tochter aber voll verstehen! Obwohl ich selbst Lokführer bin kann ich diese Dampfpfeifen nicht ab, und wenn ich neben so einem Dampfer stehe, dann kommt prophylaktisch Gehörschutz in die Ohren. Man weis ja, dass die lieben Nostalgie-Kollegen auch recht gerne mal an der Pfeife ziehen - auch wenn es NICHT betrieblich notwendig ist. So gibt ja auch heute kein normaler Zug vor der Abfahrt einen Achtungspfiff.

Und: JA! So eine Pfeife geht definitiv mehr auf die Ohren als eine E57 bei gleichem Abstand! Erstmal ist die Pfeife meist viel schriller und unangenehmer, und zweitens knallt sie sofort mit voller Lautstärke los - während man bei einer hochlaufenden E57 eigentlich noch die Chance hat, sich die Ohren zuzuhalten, bevor es wirklich unangenehm ist.
Fox 1

Re: So entstehen die Ängste

Beitrag von Fox 1 »

Schrilles Pfeifen = Schön und gut. Da müsstest du mal mein Anti-Stechmücken-Dings hören (habe ein kleinen Bach in der Nähe). Der Pfeift auch ganz schön. Raubt einem echt den Schlaf. Da meint man, man hätte Tinnitus.
Wolfi
Harter Kern
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Wohnort: Friedrichsdorf im Taunus

Re: So entstehen die Ängste

Beitrag von Wolfi »

Hi, jetzt haben wir ja gleich zwei Lokführer hier im Forum - ist ja interessant. Ich wollte auch seit meiner Kindheit
immer Lokführer werden, ist heute noch mein heimlicher Traumberuf. Leider wurde daraus nix, meine Eltern haben's
irgendwie verhindert - so viel fürs erste dazu, sonst wird`s zu sehr OT ...

@Troubadix: Ja, genau so ist es, das trifft den Nagel auf den Kopf! Selbst unter den Dampfloks hat die 01
wirklich eine besonders brutal laute Tröte. Wenn z. B. eine 50er oder 52er pfeift, ist das zwar auch laut, keine
Frage, aber die Pfeife der 01 118 tut wirklich in den Ohren weh aus nächster Nähe, das heißt dann wohl, daß
sie die Schmerzschwelle (130 dB) erreicht oder gar überschreitet ...
Ja, und während man beim Anlauf einer E57 mindestens noch 3 Sekunden Zeit hat, bis sie ihre volle Lautstärke
erreicht, um sich notfalls noch die Ohren zuhalten zu können, setzt der Dampfpfiff natürlich sofort und mit
vollem Schalldruck ein - keine Chance !

Nun, ich bin schon fleißig dabei, mit meiner Kleinen tüchtig "Angsttherapie" zu betreiben. Aus eigener Erfahrung
weiß ich, daß es das beste ist, sich der angstauslösenden Situation möglichst bald wieder zu stellen - sicher
nicht aus nächster Nähe und mit "voller Dröhnung", sondern aus größerer Entfernung und dementsprechend
abgedämpft. Wir sind sogar kürzlich noch mal mit einem Dampfzug mitgefahren - zwar reagiert sie beim Anblick
der Lok immer noch ängstlich, ich gehe mit ihr auch nicht mehr in deren Nähe, aber im Wagen so ca. in der
Mitte des Zuges geht es schon wieder. Am Ende hat ihr die Fahrt entlang des Rheins sogar Spaß gemacht!
Es gab ja auch soooo viel zu sehen auf dieser Fahrt, und wenn die Lok mal pfeift, ist das Geräusch natürlich
stark gedämpft. Natürlich habe ich ihr auch versucht zu erklären, was der Achtungspfiff bedeutet, daß das nichts
Schlimmes oder Böses ist, sondern der Warnung vor Gefahren dient.

@Lint41: Ja, das wäre auch eine super Idee. Normalerweise ist sie sehr neugierig und verspielt, vielleicht würde
ihr das sogar Spaß machen und ihre Ängste schnell besiegen lernen. Fährst Du auch ab und zu mal im Raum Bonn?
Dort sind wir ca. alle 3-4 Wochen mal für ein Wochenende bei den Schwiegereltern.

@Peisinoe: Ich weiß, viele speziell ältere Leute meinen, die Angst vor Sirenen hätte was mit Krieg zu tun –
klar, für die Menschen, die den Krieg mit ihren Schrecken erlebt haben, ist das natürlich nur allzu verständlich.
Dennoch ist wohl niemand von uns im Forum, der im WK2 schon auf der Welt war – bei fast allen derart
Betroffenen, wie auch mir, war es nur die große Lautstärke der Sirene, in Verbindung mit dem plötzlichen
Losheulen, was die Ängste ausgelöst hat.

Roxana achtet übrigens auch schon auf Sirenen, obwohl sie noch nie von einer erschreckt wurde und bisher nur einmal
eine E57 (aus größerer Entfernung, ca. 1 Kilometer) gehört hat. Aber es ist ähnlich wie mit der Dampflokpfeife,
der Sound scheint ihr nicht zu gefallen. Sie reagiert zwar nicht panisch, wenn sie eine auf einem Hausdach entdeckt,
aber sie sagt schon „Sirene“ und „Brumm nicht“ oder „Papa, die Sirene brummt nicht?“

Wolfi
ReinhardG
Sirenenexperte
Beiträge: 514
Registriert: Samstag 14. Januar 2006, 14:20

Re: So entstehen die Ängste

Beitrag von ReinhardG »

Wolfi hat geschrieben:Selbst unter den Dampfloks hat die 01
wirklich eine besonders brutal laute Tröte. Wenn z. B. eine 50er oder 52er pfeift, ist das zwar auch laut, keine
Frage, aber die Pfeife der 01 118 tut wirklich in den Ohren weh aus nächster Nähe, das heißt dann wohl, daß
sie die Schmerzschwelle (130 dB) erreicht oder gar überschreitet ...
Ich denke, dass ein Makrofon einer modernen Elektrolok mindestens genauso laut ist, wenn nicht lauter - bloß ist das halt ein Exponentialhorn (wie bei einer HLS) und ein einzelnes davon strahlt bekanntlich hauptsächlich nach vorn ab. Das heißt. wenn Du neben der Lok stehst, ist das zwar auch noch sehr laut, aber davor wäre es noch viel, viel lauter. Okay, vor einer fahrenden Lok will man sich nicht wirklich aufhalten, da ist das dann auch berechtigt.

Eine Dampfpfeife strahlt dagegen schön rundum ab, das ist für den Lokführer dahinter genauso laut wie für irgendwelche Deppen, die vor der Lok herumlaufen und halt auch für Leute, die ganz harmlos auf dem Bahnsteig stehen. Bei diesen Museumsfahrten geht es auch deshalb meistens mit Achtungspfiff los, weil da meistens immer noch irgendwelche Fotografen herumlaufen müssen, die einfach nicht verstehen, dass eine Lokomotove schwer, aus Eisen und bei ungünstigem Direktkontakt gesundheitsschädlich ist.

Gruß - Reinhard.
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