Restauration S3B

Berichte über komplette Restaurationen von Sirenen und Zubehör, bzw. Eigenbauten von Sirenen, Steuerungen und Zubehör
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Marco
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Restauration S3B

Beitrag von Marco »

Nach über einem Jahr bin ich wieder zu einer Sirene gekommen. Diesmal eine doch recht seltene Tieftonsirene S3. Auf den ersten Blick gleicht sie der S3B von HP, unterscheidet sich aber in Details.

Typ: S3 Tiefton
Spannung: 220/380 V
Strom: 3/1,7 A
Leistung: 1 kW oder 1,36 PS
Höhe: 36 cm
Durchmesser des Rotors: 25 cm
Hersteller: verm. Elektror
Baujahr: vor 1945

Auf den Fotos machte die Sirene einen ziemlich gammeligen Eindruck. Außerdem fehlten die Anschlussabdeckung und der Maschendraht der Ansaugöffnung. Angeblich habe sie bis vor kurzem noch auf einem Dach in Ostdeutschland gestanden und fungierte früher als Feuerwehrsirene.
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Den Transport hat sie dank der sicheren Verpackung unbeschadet überstanden.
Zunächst einmal habe ich die Sirene genau geprüft, denn der Verkäufer hatte mir ein Rückgaberecht gewährt. Der Rotor war total leichtgängig, demnach schien sie wirklich noch nicht so lange außer Dienst zu sein. Zudem habe ich die drei Wicklungen des Motors auf Durchgang gemessen (U-X, V-Y und W-Z) und die Isolation gegen Gehäuse geprüft. Nachdem dies in Ordnung war, entschloss ich mich, die Sirene zu behalten und herzurichten.

Hier ein paar äußere Eindrücke:
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Der Fuß und Mittelteil sind aus Eisen, der Stator (nebst Deckel) und Rotor aus Leichtmetall gefertigt. Alles ist korrodiert, sogar das Alu hat einen kalkähnlichen weißen Belag. Im Originalzustand war der Rotor rot, die restlichen Gehäuseteile dunkelbraun lackiert. Später wurde die Sirene dann blau angepinselt. Deutlich zu erkennen sind zudem zwei Einfüllöffnungen für Schmierstoffe, die von Zeit zu Zeit auf die Kugellager gegeben werden mussten.

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Der Maschendraht des Statordeckels ist komplett weggerostet. Die Reste sind dann wohl beim Betrieb herausgeblasen worden.

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Die Verdrahtung am Klemmstein verrät eindeutig, dass es sich um einen Drehstrommotor handelt. Anhand der Kabelreste und Brücken kann man den Anschluss des Motors in Sternschaltung erkennen. Links sind die Klemmen U, V, W, rechts X, Y und Z.

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Die Grundsubstanz des Rotors ist gesund, obwohl die Oberfläche arg mitgenommen aussieht.
Zuletzt geändert von Marco am Montag 16. Oktober 2006, 22:49, insgesamt 1-mal geändert.
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Marco
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Re: Restauration S3B

Beitrag von Marco »

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Auf der Innenseite des Fußes siehts dagegen schlechter aus: Hier befindet sich starker Rostfraß. Trotzdem ist auch dort das Material noch durchweg solide.

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Auf diesem Foto erkennt man die spärlichen Reste einer Gewindestange mit darauf sitzender Mutter. Bevor ich die Sirene geöffnet habe, musste ich sämtliche Schrauben und Muttern aufbohren. Nur die Schrauben des Klemmsteins ließen sich mit Werkzeug lösen. Immerhin.

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Da ist der Klemmstein abgenommen. Auf die Drähte hatte irgendwann mal jemand Plastikschläuche gezogen, die jetzt total hart waren. Im Original sind die Drähte mit Stoff („Rüschschlauch“) isoliert, der allerdings in diesem Bereich wohl schon vor Jahrzehnten weggebröselt war.

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Den Statordeckel konnte ich erst abschlagen, nachdem die drei Befestigungsschrauben ausgebohrt waren. Auf der Innenseite sieht man noch die rostigen Befestigungspunkte, an denen ehemals der Maschendraht fest genietet war. Auf die Achse hab ich unterkriechendes Öl gegeben, bevor der Rotor entnommen wurde.

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Abzieher eingesetzt.

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Ab dieser Position konnte ich den Rotor mit der Hand herausziehen. Er ging dann erst mal gründlich baden und wurde mit einem Metallschwamm abgerubbelt.
Zuletzt geändert von Marco am Donnerstag 12. Oktober 2006, 00:08, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Restauration S3B

Beitrag von Marco »

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Das Innere des Stators. Deutlich zu erkennen sind hier die Reste der Originallackierung. Um die Sirene weiter zu öffnen, musste ich oben und unten je vier Schrauben aufbohren. Genau genommen waren das Muttern, die auf Gewindestangen saßen. Danach fielen die Segmente der Sirene wie von selbst auseinander.

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Geschafft, der Stator ist ab.

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Und hier sieht man das Oberteil des Motors, auf dessen Läuferachse sich Teile des Kugellagers befinden, darunter eine dicke Schicht Ölschlick. Die vier Gewindestangen habe ich später noch herausgedreht. Das Kugellager ist auseinander gegangen: Der äußere Ring steckt noch im Statorteil, die innere Ring mit Laufkranz sitzt auf der Achse.

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Ein Blick in den Motor: Alles ist mit Öl verschmiert. Die Sirene wurde scheinbar fleißig gewartet und bei jeder Gelegenheit Öl in die Lager gespritzt. Für den Motor selbst hat das sogar einen wesentlichen Vorteil: Die Ölschicht hat ihn gewissermaßen konserviert, sonst wäre insbesondere die Feldspule stark verrostet.

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Im Wesentlichen ist der Läufer gut erhalten. Die dicke Ölschicht lässt sich ja entfernen.

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Hier ist der Sirenenmittelteil mit Feldspule abgenommen, so dass man gut den Ölschlamm im Fuß sehen kann. Zunächst wurde der Schlick abgewischt, später habe ich den Fuß in einer Schüssel mit Wasser und einem Tauchsieder abgekocht, wobei sich die Ölreste gut lösten. Die letzten Spuren ließen sich dann mit Felgenreiniger und Drahtbürste entfernen.
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Re: Restauration S3B

Beitrag von Marco »

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Trotz der brüchigen Anschlussdrähte sehen die Kupferdrahtwicklungen noch ganz gut aus. Früher hatte man in geduldiger Handarbeit sämtliche Wicklungen des Motors mit Stoffbahnen und Lack einbalsamiert. Eine zeitintensive Handarbeit! Hoffentlich verträgt das Ganze auch noch die 400 Volt von heute.

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Der Rotor ist von Dreck und Farbresten befreit, muss aber noch glatt geschliffen werden. Das tat ich in Handarbeit mit feinem Sandpapier, bis der graue Belag weg war.

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Noch bevor die Sirene abgeschliffen war, habe ich die Gewinde nachgeschnitten und dabei die Reste der alten Schrauben, die zuvor ausgebohrt wurden, herausgeholt.

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Der Läufer hat neue Kugellager bekommen, die ich eilig bei Conrad besorgt habe. Zu eilig, wie sich herausstellte, denn die neuen Lager sind zu breit für die Aufnahmen. Als ich die Sirenenteile probehalber zusammen gesteckt hatte, standen sie zu weit auseinander. Jedes der beiden Lager ist 3mm zu hoch! Im Internet habe ich dann noch mal intensiv nach Kugellagern recherchiert und konnte herausfinden, dass in dieser Sirene so genannte Schulterkugellager verbaut waren. Diese lassen sich zerlegen, so dass es völlig normal war, als mir beim Öffnen der Sirene die Lager auseinander gegangen sind. Die neuen Lager müssen also wieder runter. Soweit war mir alles klar.
Problematisch ist allerdings, solch seltene Lager heute neu zu beschaffen. Bei Conrad wird man leider nicht fündig.

Schulterkugellager E 12
Innerer Durchmesser d: 12mm
Äußerer Durchmesser D: 32mm
Breite B: 7mm

Habe jetzt bei SBN für fast 15 EUR das Stück neue Lager bestellt.
Zuletzt geändert von Marco am Donnerstag 12. Oktober 2006, 00:13, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Restauration S3B

Beitrag von Marco »

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Der Läufer des Motors steckt im Fuß. Das 'falsche' Kugellager passt zwar in die Aufnahme, steht allerdings 3mm nach oben heraus. Zu groß.
Der Mittelkörper des Läufers sieht ziemlich antik aus. Auf dem Eisenteil ist oben und unten eine Kupferschicht, darauf wiederum ist Bronze. Sieht aus als hätte man das im geschmozenen Zustand draufgeträufelt. Komplett abgeschliffen ist der Sirenenfuß hier noch nicht.
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Re: Restauration S3B

Beitrag von Marco »

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An der Reinigung und Restauration des Klemmsteins hab ich fast einen ganzen Tag gesessen. Zunächst wurde er komplett von den alten Schrauben, Unterlegscheiben & Muttern befreit. Vorsichtig ist er dann in heißem Wasser gereinigt worden, wobei ich gemerkt habe, dass sich das Bakelit wie bei einem Stück Seife etwas aufgelöst hat. Also schleunigst raus aus dem Wasser! Bis auf einige Muttern und Brücken habe ich alle Messingteile ersetzt. Auf der Rückseite des Klemmblocks wurde in die Vertiefungen eine Isolation aus Heißkleber eingebracht. Habe den Kleber mit dem Heißluftgebläse so lange erhitzt, bis er ganz dünnflüssig wurde und möglichst tief einziehen konnte. Die alten Muttern und Brücken musste ich mit feinem Sandpapier einzeln abschleifen - das hat Zeit verschlungen.
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Re: Restauration S3B

Beitrag von Marco »

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Der Mittelteil der Sirene mit innenliegender Feldspule wurde zunächst abgeschliffen. Die großen Rostkrater habe ich anschließend mit Polyestermasse zugespachtelt und glatt geschliffen.
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Re: Restauration S3B

Beitrag von Marco »

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Die gammeligen Anschlussdrähte des Motors! Die bröselige Isolation löste sich wie von selbst ab.

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Die neue Isolation besteht aus Schrumpfschlauch der hier gerade erhitzt wird. Ich habe den Schlauch möglichst hochgezogen, sogar noch ein ganzes Stück über den originalen Stoffschlauch.

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Zweite Isolation aus Silikonschläuchen.

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...und durchgefädelt. Spätestens hier ist auch die Farbe zu sehen, in der sich die Sirene später präsentiert. Es ist nichts außergewöhnliches, sondern nur schiefergrau. Ich habe noch einen Rest der teuren Farbe meiner E 57, den ich so sinnvoll nutzen kann. Und eine Dame solchen Alters sollte man konservativ kleiden.
Zuletzt geändert von Marco am Donnerstag 12. Oktober 2006, 00:37, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Restauration S3B

Beitrag von Marco »

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Nun befindet sich der Anschlussblock wieder am Motorteil und ist fertig verdrahtet. Die Kabelschuhe (auf der rechten Klemmleiste) werden später auf die Anschlussleitung aufgequetscht.

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Der Rotor wurde mit Kunstharzlack in RAL 3000 behandelt. Zwei Anstriche. Auf eine Grundierung konnte lt. Verarbeitungshinweisen verzichtet werden. Die Schraube zum Fixieren habe ich natürlich auch ersetzt.

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Der Sirenenfuß frisch aus dem Backofen! Angepinselt hatte ich diesen mit LKW-Schutzfarbe. In den Verarbeitungshinweisen war zu lesen, dass die Farbe schnell trocknet und sich optimal mit dem Material verbindet, wenn man den lackierten Gegenstand für 30 Minuten in einen 80°C heißen Raum stellt. Kurzerhand habe ich dann Fuß und Stator in einem ausrangierten Backofen erwärmt. Die Farboberfläche ist ähnlich wie Emaile.
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Re: Restauration S3B

Beitrag von Marco »

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Heute kamen die Kugellager. Diesmal auch exakt die richtigen, so dass nichts mehr schief gehen kann.

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Hier habe ich die Lager mit einem alten Rohr auf die Achse geschlagen. Das Rohr als Hilfsmittel ist unerlässlich, weil ansonsten das Lager beim Aufschlagen beschädigt würde.

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So, hier sind beide drauf. Zu sehen sind die äußeren Lagerringe. (Schulterkugellager sind zerlegbar.)

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Mittlerweile ist der Ring in die Lageraufnahme eingeschlagen und hat seine Schmierung (Kugellager-Vaselinefett) bekommen. Dasselbe ist mit dem oberen Lager geschehen, dann habe ich die Sirene zusammengebaut. Statt der im Originalzustand verbauten Gewindestangen mit Muttern habe ich einfach Senkkopfschrauben benutzt, die ich zuvor auf die passende Länge geschnitten habe.
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Re: Restauration S3B

Beitrag von Marco »

Nun ja, irgendwann musste dann doch mal der Motor getestet werden - für mich der spannenste Moment von allem.
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Ergebnis: Er funktioniert! Habe ihn ca. 5 Minuten laufen lassen und dabei nichts Auffälliges bemerkt. Also denke ich, dass die Feldspule trotz ihres hohen Alters in Ordnung ist. Auf dem Foto habe ich aus Versehen L1 und L2 vertrauscht; folglich lief der Motor falsch herum, was für den Test aber egal war. (Richtig: L1/R braun; L2/S schwarz; L3/T grau)

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Die 8 Vertiefungen, in denen die Schrauben sitzen, die die Sirene zusammenhalten, wurden mit flüssigem Wachs verfüllt. Polyestermasse erschien mir dazu etwas zu endgültig. Kann ja sein, dass man das gute Stück noch mal öffnen muss.

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Seit heute Nachmittag sieht sie nun so aus. Das Dach ist noch nicht restauriert, denn ich muss erst den passenden Maschendraht finden. Lediglich die alten Nieten, die den weggerosteten Draht hielten, habe ich schon ausgebohrt.
Vorhin habe ich die Sirene nur ganz kurz mit eingesetztem Rotor im geschlossenen Gartenhaus getestet. Voll hochlaufen lassen kann ich sie nicht, denn das Geknatter ist einfach zu laut. Besser ich warte damit bis zum nächsten offiziellen Probealarm im November, dann kann ich sie auch draußen anstellen. Der Sound ist jedenfalls genial und übertrifft das gewöhnliche Getute.
T.M

Re: Restauration S3B

Beitrag von T.M »

Gute Arbeit! Wirklich schön geworden.

Eine aufnahme wäre allerdings nicht schlecht. mich würde wirklich mal interessieren, wie das Ding klingt. Tieftonsirenen hört man nicht allzu häufig.
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HP.D
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Re: Restauration S3B

Beitrag von HP.D »

Sehr schöne Arbeit! Das mit den Kugellagern ist interessant. Bei mir warens ja ganz gewöhnliche aus dem Conrad. Die Farbgebung wirkt professionell.

@T.M: Kannst ja als Vorgeschmack das File von meiner Tröte anhören. Und ankucken.
Elektror S3B Test Video
..und im Notfall werden wir über die Medien informiert... Klar, hab auch immer ein Radio eingeschaltet dabei... :-(
Gast

Re: Restauration S3B

Beitrag von Gast »

Glückwunsch, sieht wirklich hervorragend aus!
Zuletzt geändert von Gast am Sonntag 15. Oktober 2006, 16:10, insgesamt 1-mal geändert.
T.M

Re: Restauration S3B

Beitrag von T.M »

@ HP.D: Ja, habe ich mir shcon angehört. Hört sich nicht schlecht an . Schade, dass sich Tieftonsirenen nicht dauerhaft durchsetzen konnten. Aber sie würden heutzutage wohl im Verkerslärm untergehen. Außerdem wäre es wohl auf Dauer unwirtschaftlich gewesen, wenn man doppelt so viele Sirenen (Hochton- und Tieftonirenen) hätte.

@ Marco: Ist da noch ein Typenschild dran? Das Dach ist wohl auch verloren gegangen, oder? Naja, trotzdem sehr schön.
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